News‎ > ‎

Vor 40 Jahren wurde aus dem Lübecker Piloten Hans-Werner Grosse eine Segelfluglegende

veröffentlicht um 23.04.2012, 22:30 von Florian Mösch   [ aktualisiert: 26.04.2012, 01:30 ]

Vor genau 40 Jahren - am 25. April 1972 - hat Hans-Werner Grosse Segelfluggeschichte geschrieben. Mit seinem legendären Weltrekordflug von Lübeck bis nach Biarritz an der französischen Atlantikküste unweit der Grenze zu Spanien hat er einen Meilenstein gesetzt, der international über dreißig Jahre lang Bestand hatte. Und auch nach vier Jahrzehnten hat noch kein anderer Pilot eine längere Strecke im Segelflugzeug über Europa zurückgelegt.


Hans-Werner Grosse / Foto: Sergio di Fusco

Erst wenige Jahre zuvor war es erstmals gelungen, Dreiecksflüge von über 500km zu fliegen. Bis dahin war das zumindest in Europa nicht für möglich gehalten worden. Am 26.Juli 1970 flogen Wally Scott und Ben Greene beide von Texas aus knapp 1200 Kilometer. Die beiden Piloten waren gemeinsam gestartet und auch parallel gelandet, so dass sie auch gemeinsam den neuen Weltrekord aufstellten. Beide flogen auf dem gleichen Flugzeugmuster, das auch Hans-Werner Grosse 1972 für seinen Flug nutzte: die ASW-12 war zu diesem Zeitpunkt ohne Frage eines der leistungsfähigsten Segelflugzeugmuster. 1971 war zum ersten Mal innerhalb von Europa eine Strecke von über 1000 Kilometern zurückgelegt worden.

Angespornt von derartigen außergewöhnlichen Flugleistungen hatte sich Hans-Werner für den 25. April zunächst eigentlich ein anderes Ziel gesetzt, als eine außergewöhnliche Wetterlage eine Rekorddistanz über Europa möglich erscheinen ließ: ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet über England mit Ausläufern bis nach Skandinavien brachte kühle, trockene Luft aus nord-östlichen Richtungen. Mit einigem Rückenwind schien es möglich zu sein, nach dem Durchzug der Kaltluftfront von Lübeck aus bis nach Nantes zu fliegen. Auf der "Rückseite" der Wetterfront waren optimale Wetterbedingungen zu erwarten. Diese angemeldete Strecke hätte gereicht, um einen neuen Weltrekord aufzustellen.

Von Lübeck aus startete Hans-Werner mit seiner ASW-12 am Morgen des 25. April nach Süd-Westen, blieb südlich von Bremen, überflog das Ruhgebiet zwischen Münster und Aachen. In Frankreich führte die Route nord-westlich von Paris weiter über die Seine in Richtung Angers und Nantes. Doch noch bevor dieses ursprüngliche Rekordziel erreicht war, entschied sich Hans-Werner an diesem Nachmittag, auf den sicheren Weltrekord zu verzichten und stattdessen weiter zu fliegen. Noch im Flug verständigte er sich mit dem Hamburger Piloten Klaus Tesch per Funk darauf, das er diesem den Weltrekord für den angemeldeten Flug abtreten würde - für ein Fass Bier, das der glückliche Pilot schließlich auch einlöste, vor allem aber für "das unbeschreibliche Gefühl, weiter zu fliegen, als je zuvor ein Segelflieger geflogen war, und auch weiter, als man bis dahin für möglich hielt". Seine ASW-12 steuerte Hans-Werner nun weiter in Richtung Süden. Entlang der Atlantikküste flog er vorbei an La Rochelle und Bordeaux und landete schließlich auf dem Flugplatz von Biarritz. In Zeiten lange vor der Verfügbarkeit von Satellitennavigationssystemen war es gar nicht so einfach, die genaue Distanz zwischen Lübeck und dem Landeort festzustellen: 1460,8 Kilometer waren es letztendlich, die Hans-Werner zu einer Segelfluglegende machten.

Die Flugleistung war zu dieser Zeit so beeindruckend, dass sogar die New York Times mit einem halbseitigen Artikel über den Flug berichteten. Und selbst in den Ländern des damaligen Ostblocks wurde über den Erfolg des deutschen Piloten berichtet.

Heute erinnert sich der Pilot, der noch immer einer der aktivsten Piloten des Aero Club von Lübeck ist, gerne an die ausgesprochene Gastfreundschaft, die ihm in Frankreich entgegengebracht wurde. Schnell waren etliche Gratulanten vor Ort, allen voran der Bürgermeister von Biarritz. Aber wichtiger als der herzliche Empfang und die Geschenke, die man ihm machte, war ihm der Flug selbst: "Das unbeschreibliche Gefühl, das so ein fantastischer Flug auslöst, ist die größte Belohnung nach so einem außergewöhnlichen Tag."

Zwei Jahre vor seinem Biarritz-Flug hatte Hans-Werner schon den zweiten Platz bei der Segelflug-Weltmeisterschaft erreicht, insgesamt hat er fünfzig Weltrekorde aufgestellt. Mit seinen beinahe 90 Jahren fliegt er weiter. Wann immer das Wetter es zulässt fliegt er von Lübeck aus - jetzt mit seiner ETA, dem größten Segelflugzeug der Welt - auf der Suche nach dem nächsten "ganz besonderen Tag". Ein besonderes Bedürfnis ist es ihm, seine Erfahrungen an die Jugend weiterzugeben. Die Luftsportjugend in den östlichen Bundesländern hat er mit einem Förderflugzeug unterstützt. Und für die ersten jungen Piloten, denen es gelingt, seinen 40 Jahre alten Rekord über Europa zu übertreffen, hat er inzwischen Preise ausgelobt. Wobei er aber auch Wert auf die Feststellung legt, dass der Flug selbst ja eigentlich der größte Preis ist...

Ċ
Florian Mösch,
26.04.2012, 01:30