News‎ > ‎

Nordische Höhenflüge

veröffentlicht um 16.09.2015, 11:05 von Winfried Schöch   [ aktualisiert 16.09.2015, 13:01 von Winfried Schöch ]
Entlang der Seewindkonvergenz nach Mecklenburg - hier 2000 m über dem Lübecker Hafen
Wismar, viele Grüße an Ecki Kurfeld Mit jeder Wolke geht es etwas höher - hier 2700 m östlich des Schweriner Sees und Jubelgeschrei im Cockpit :-)

Auch spät in der Saison sind manchmal noch tolle Flüge möglich! Hier ein Flugbericht für Fortgeschrittene vom 21.8.2015. Wolfgang Rojahn und Uwe Dobrinski flogen den Lübecker Duo Discus LT im Teamflug mit Nadine Sevegnani und Reinhard Scheibe im ausgeliehenen Duo Discus der Wahlstedter, DD. Den beiden Teams gelangen mit jeweils ca. 450 km die mit Abstand weitesten Flüge des Tages in Schleswig-Holstein - und das in bis zu 2700 m Flughöhe! Das hat man bei uns im Norden nicht alle Tage.

Zurück in Wahlstedt, wir nutzen die Abendthermik und fliegen nochmal Richtung Kiel; hier LT (mit Wolfgang und Uwe) vor dem Plöner See Ab nach Hause, im Endanflug auf Wahlstedt

(Fotos bis hier: N. Sevegnani)

Hier der Flugbericht von Wolfgang Rojahn:

Das war ja nochmal ein interessanter Tag am Freitag! Dazu ein paar mehr oder weniger geordnete Gedanken, die mir gerade durch den Kopf gehen.


Zu spät gestartet sind wir wohl nicht, jedenfalls nicht DD. Vielleicht hätten wir (LT) noch 15 min eher losgekonnt.

Auch die Abflugrichtung war nach dem Wolkenbild wohl richtig. Etwas Zweifel habe ich daran, ob wir so weit nach Norden hätten fliegen sollen, oder ob es nicht klüger gewesen wäre, hinter Neumünster oder Nortorf nach Süden zu gehen. Da es nach Süden dünner mit Wolken wurde und es deshalb zu befürchten war, dass es dort blau wird, wäre das aber keine risikolose Entscheidung gewesen. Allerdings wären wir für sie wohl fürstlich belohnt worden! Wenn man sieht, was und mit welchen Schnitten die beiden ASH 25en aus Waren [660 km mit 105er-Schnitt] und Wittstock [940 km mit 124er-Schnitt!] in einer für uns erreichbaren Gegend geflogen haben, weiß man, wie dort - völlig vorhersagewidrig – die Post abgegangen ist.

Beweisfoto: DD deutlich unter uns!!  Nord-Ostsee-Kanal bei Rendsburg
 Nord-Ostsee-Kanal mit Rader Insel

Sehr interessant fand ich die Seewindkonvergenz(en). Eine stand nach der Wolkenentwicklung zu urteilen in Windrichtung westlich der Lübecker Bucht, die andere im Winkel dazu parallel zur Mecklenburgischen Ostseeküste.  Dass es Seewindkonvergenzen waren, fand ich wegen des Wolkenbildes (teils kurzlebige, zerzauselte, sich aber immer wieder bildende CU in linienhafter Anordnung) ziemlich deutlich. Die Wolke, die sich auf dem Rückflug zwischen Bad Kleinen und Lübeck neben uns gebildet hat, hat das noch deutlicher gemacht.

Für die erstere Konvergenz hätte ich als Erklärung die  „Rauhigkeitstheorie“. Die erklärt Konvergenzeffekte damit, dass dann, wenn zwei unterschiedlich raue Untergründe (hier: Land und See) nebeneinander liegen, der bodennahe Wind zur raueren Oberfläche hin abgelenkt wird, weil er dort etwas gebremst wird. Das führt dazu, dass die dorthin abgelenkte Luft auf die dort ohnehin vorhandene trifft (Konvergenz eben) und irgendwo hin muss. Am einfachsten nach oben, was zu einer Labilisierung führt. Die Theorie passt sehr schön zu meinen Erfahrungen an größeren Seen in Schweden.

Die andere Konvergenz interpretiere ich eher als klassische thermische Konvergenz. Als Lübecker wissen wir ja, dass sich an schwachwindigen thermisch guten Tagen Seewindsysteme entwickeln (konnte man auch gut an den Windrädern sehen), durch die bodennah die kalte und feuchtere Seeluft einfließt und wie ein Keil die Landluft anhebt, was an der Keilspitze zu einer Konvergenz führt, vor allem, wenn wie Freitag der Wind schwach etwa in Gegenrichtung zu dem Keil weht. Schön wäre es, wenn man die Entstehung solcher Systeme besser verstehen und vorhersagen könnte, denn sie können wie am Freitag ja recht nützlich sein!

Vielleicht hätte man, nachdem wir bei Ahrensbök wieder hochgekommen waren (evtl. schon eher) erstmal in Richtung Bungsberg fliegen sollen um die Linie ab der Hohwachter Bucht zu nutzen.



Wittensee und Bistensee, im Vordergrund die A7, rechts der Nord-Ostsee-Kanal  Schleswig  Travemünde
Fotos: U. Dobrinski

Warum es dann abends um diese Jahreszeit bis um 18:35 Uhr in Schleswig-Holstein Thermik gegeben hat, wüsste ich auch gern. Vielleicht Kaltluftadvektion? Dazu werde ich mich mal auf die Suche nach Temps von gestern oder Windkarten machen. Windkarten deshalb, weil Kaltluftadvektion in ihnen daran zu erkennen ist, dass der Wind mit zunehmender Höhe nach links oder jedenfalls nicht wie üblich nach rechts dreht.

Auch in Mecklenburg ist es übrigens Abends bis etwa 18:45 Uhr gegangen.

 

Längere Zeit wird mich noch die Frage verfolgen, ob wir am Abend nicht doch noch die gut aussehende Wolke am Wittensee hätten anfliegen sollen. Wenn sie es noch getan hätte, wären wir auf geschätzt 2200m gestiegen. Das hätte gereicht um nach Hause zu kommen. Hätte sie nicht mehr gezogen, hätten wir wohl zünden müssen, aber Gewissheit gehabt.

Ich glaube, nächstes Mal fliege ich hin…

 

Alles in allem war das ein toller, sehr spannender und interessanter Tag!

Vielen Dank an alle fürs mit- und zusammenfliegen. Und vor allem Danke an Patrick. Hätte er nicht geschleppt, würde ich mir all diese Gedanken nicht machen!

 

Wir haben das geilste Hobby der Welt!

Comments