News‎ > ‎

Hangflug 1 - 15.9.2015

veröffentlicht um 29.11.2015, 06:58 von Winfried Schöch   [ aktualisiert: 29.11.2015, 08:35 ]

(Siehe auch Hangflug 2, Hangflug 3)

Mangels Alternativen bewegen wir Segelflieger uns im hohen Norden Deutschlands praktisch ausschließlich per Thermik fort: Die Sonne erheizt die Erdoberfläche, die aufliegenden Luftmassen werden erhitzt und steigen ähnlich wie Blasen im Aquarium nach oben.

Es gibt jedoch auch noch andere Mechanismen, die für Vertikalbewegungen in der Atmosphäre sorgen. Beispielsweise Hangwinde: Hier bläst ein kräftiger (horizontaler) Wind gegen eine Hügel- oder Bergkette und wird durch das Hindernis nach oben abgelenkt. Ein paar wenige Lübecker Segelflieger haben in den letzten Jahren zum Beispiel den Hang bei Worcester in Südafrika ausprobiert.

Man muss aber nicht um die halbe Welt fliegen und man braucht auch kein Hochgebirge für den Hangsegelflug. Nur etwa drei Autostunden (mit Flugzeuganhänger) von Lübeck entfernt erheben sich die sanften Grate von Wesergebirge, Wiehengebirge und Ith. Gerade einmal knapp über 300 bzw. knapp über 400 Meter Höhe reichen für ausgedehnte und eindrucksvolle Flugerlebnisse aus!


Mögliche Außenlandefelder
Schneller Flug in Höhe der Hangkante

Hier ein Bericht von Claus Cordes:

Dienstag, 15. September 2015 - seit Tagen ist für diesen Tag strammer Wind aus Süd bis Südwest vorhergesagt. Je näher der Termin rückt, desto schauriger wird die Vorhersage, tatsächlich regnet es bis etwa 13.30 ziemlich stark. Dann Aufzug einer deutlichen Rückseite.

Bodenwind aus etwa 190 – 200°, optimal wären 210° ; Windstärke am Boden ca. 15 Knoten, später mehr.


Sehr freundliche Aufnahme durch die ortsansässigen Segelflieger, alle Fragen zum Hangfliegen werden ruhig und geduldig beantwortet.

Discus flott aufgebaut und startklar gemacht. F-Schlepp im Voraus bezahlt: 40 € hinter einem C-Falken. Start auf der Asphaltbahn 23 und kurzer Schlepp mit Rechtskurve an den Hang. Für die Schleppzeit ist 40 € zu teuer, für das, was dann folgt, nicht, und das wissen die auch.

Am WE ist auch Windenbetrieb üblich, das reicht auch, da die Ausklinkhöhen erheblich sein sollen, und man auch tief am Hang ankommen kann, denn es geht einfach!


Ausklinken in 400 m Seehöhe an der Hangkante und einfach weiterfliegen, kein Suchen, einfach geadeaus.

Ich habe dann erstmal am Denkmal, also noch westlich der Weser gewendet und bin dann in Richtung 300° am Wiehengebirge entlang geflogen. Die Schenkel wurden immer länger, also weiter weg vom Platz, man gewöhnt sich schnell dran.

Am Ende war ich 3:33 h in der Luft und bin nur wegen des noch zu bewältigenden Heimweges gelandet. Es geht stundenlang, eben solange der Wind weht.


Im Einzelnen:

Über dem Grat: Man kann sehr schön in 500 – 700 m MSL mehr oder weniger genau über dem Grat fliegen. Bei dieser Windstärke (später am Boden 25 – 30 kts) ergibt sich mit dem Discus eine angezeigte Fluggeschwindigkeit von etwa 120 km/h. Der Flug ist relativ ruhig, man muss wie in der Thermik auch immer ein wenig zur angehobenen Fläche steuern.

Hangkante: Man kann aber auch in 300 – 400 m auf der Luvseite knapp über oder unter Hangkante fliegen, dann wird es rasant, und ich bin über längere Zeit 150 – 180 km/h geflogen. Durch die Nähe zum Hang stellt sich ein berauschend schönes Gefühl der Hochgeschwindigkeit ein, aber Vorsicht: der Flug in dieser Region ist sehr turbulent, es gibt teilweise sehr harte Schläge, ich habe mir mehrfach den Schädel an der Haube gestoßen – Gurte fest anziehen! Für die Flugzeuge kann das auf Dauer nicht gut sein.

Lücken im Hang: Kein Problem, einfach draufhalten und mit hoher Fahrt und hohem Sinken dran vorbei, die andere Seite kann nicht anders als tragen. Dennoch beruhigt es, vorher ein wenig Höhe zu tanken, indem man einfach langsamer fliegt, die Steigwerte erreichen leicht 2 – 3 m/s, stellenweise deutlich darüber, aber eben nur kurzzeitig.

Ausdehnung: das Wiehengebirge hat die Hauptrichtung 12/30. Wenn man an der Porta-Westseite einsteigt und in Richtung 300° fliegt, geht es etwa 17 km einfach geradeaus, danach dreht das Gebirge nach Westen. Bei Windrichtungen um 210° soll es dann schwierig werden, ich hab's nicht ausprobiert, bis dahin aber gar kein Problem.

Nach Osten ist der Sprung über die Porta gar kein Ding. Kurz vor der Lücke ist der Hang besonders steil, und da kann man ganz einfach noch schnell 100 m Höhe einpacken, da ging es zuverlässig. Auf der anderen Seite geht es wie gewohnt weiter. Wenn man den Sendeturm passiert, fliegt man in die CTR Bückeburg ein. Die Lotsen haben die Freigabe zum Durchflug immer erteilt, fragen aber nach POB (persons on board) und können irgendwie nicht aus ihrer Haut. Ja, man durchfliegt die CTR, aber in einer Weise, dass es nicht zu Konflikt mit IFR-Verkehr kommen kann. Warum die Freigabe nicht pauschal unter Aufrechterhaltung der Hörbereitschaft erteilt wird, kann ich nicht beurteilen. Schon bei einer Handvoll Segelflieger wird das Gesabbel etwas anstrengend. Dort, wo die A2 dann über das Wiehengebirge führt, ist man wieder draußen. Ich bin dann an Rinteln vorbei nach Osten geflogen, bis es etwas zerklüfteter wird. Man sieht den Ith, den man von einer noch östlicheren Position im Sprung erreichen kann, dafür sollen aber 800, besser 900 m Höhe notwendig sein. Aussserdem muss der Wind deutlich südwestlichere Richtung haben – vielleicht beim nächsten Mal.

Verkehr: NICHT OHNE FLARM!!! Beim Hangflug kommen die anderen immer entgegen und sind schwer auszumachen. Ohne Flarm hätte ich mich manchmal sehr erschrocken…..

Außenlandungen: Ich bin zum ersten mal ohne den Gedanken, nicht mehr oben bleiben zu können, geflogen. Der Wind kann nicht im Hang verschwinden, er muss drüber, und deswegen geht es. Wenn es bei vielleicht anderen Windrichtungen/-stärken mal doch nicht geht, einfach senkrecht vom Hang weg und geradeaus in den Wind landen. Landbare Felder im Überfluss.

Landung in Porta: Nicht zu knapp ansetzen, denn die Gleitzahl schrumpft bei dem kräftigen Gegenwind erheblich. Ich habe etwa 1:12 erflogen!!! Wäre doch zu schade, 1 km vorm Platz zu liegen.

Erforderliche Instrumentierung: Fokus lieget eindeutig auf Fahrtmesser, um respektablen Abstand zum gelben Bereich zu wahren, alles andere ist unwichtig. Navigation findet nicht statt, Höhe sieht man, Vertikalgeschwindigkeit spürt man, und wieder:  F L A R M !!!

Luvwinkel: Die hohen angezeigten Geschwindigkeiten täuschen, da man immer mit hohem Luvwinkel fliegen muß, und sich dabei eine erhebliche Gegenwindkomponente einfängt. Ich habe Differenzen von bis zu 40 km/h zwischen angezeigter Geschwindigkeit und GPS ground speed entdeckt, auch der OLC-Schrieb macht das stellenweise deutlich.

Wird es langweilig, immer hin und her zu fliegen? Eindeutig NEIN. Wenn man unter Hangkante jagt, kann man nicht genug kriegen, aber das geht aufs Material.

Braucht man ein Hochleistungsflugzeug? Nein, wenn man nicht alle anderen überholen will. Ich stelle mir eine ASK 21 ideal vor, ein robustes Flugzeug für den Spaß zu zweit. Man kann mit Sicherheit mit 100 km/h+ geradeaus fliegen.

Werde ich es wieder tun?   JA !!!

Comments