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Flügel für Lübeck

veröffentlicht um 05.11.2010, 02:06 von Florian Mösch   [ aktualisiert: 17.01.2012, 08:33 ]

60 Jahre Aero Club von Lübeck - der Wochenspiegel hob zum Jubiläum mit ab

LÜBECK. Noch vor 60 Jahren war deutschen Piloten das Fliegen verboten. Dies war eine der Folgen des Zweiten Weltkrieges. Erst 1951 gestatteten die Alliierten die Wiederaufnahme des Flugbetriebs. Bereits sechs Monaten zuvor, in Oktober 1950, hatten Flugbegeisterte den Aero Clubvon Lübeck gegründet. Heute wie damals bietet der Verein die Möglichkeit, die Schönheit und die Freiheit des motorlosen Fluges zu kosten. Der Wochenspiegel ist zum 60. Jubiläum des Fliegerklubs mitgeflogen.


Wer liebt, der schiebt. Sebastian Thiele, Hannes Wagner und Philip Brozio bringen ein Segelflugzeug für den nächsten Flug zum Start zurück. Segelfliegen verlangt ausgesprochene Teamarbeit.

Mutter Erde will nicht so einfach loslassen. Sie stellt jede Grassode in den Weg des rollenden Segelflugzeugs und lässt es erzittern und rumpeln. Mit geballter Kraft zerrt sie an Piloten und Passagier und drückt sie fest in die harten Sitze. Bis die schiere Kraft der Physik endlich gewinnt. Mit 260 PS zieht eine mächtige Winde am anderen Ende der Grasbahn das Fluggerät rasant nach vorne. Nach drei, vier Sekunden zeigt der Fahrtmesser bereits 100 km/h an. Der Wind greift in die Tragflächen und der Zweisitzer hebt steil ab. „Besser als jede Achterbahn“, jauchzt Pilot Norbert Klein. Noch ein paar Wimpernschläge und die „Duo Discus“ hat ihre Höhe erreicht: etwa 500 Meter. Sie ist eine von insgesamt acht Segelflugzeugen des Vereins. Hinzu zählen noch zwei Motorsegler sowie die privaten Fluggeräte einiger Vereinsmitglieder. Es sind alle sehr moderne Maschinen aus Kunststoff.Vor 60 Jahren hatte der Aero Club von Lübeck seine ersten zwei Segelflugzeuge aus Holz und Tuch selbst gebaut. Hans Werner Grosse war schon damals dabei, als der Flugplatz noch keinen Zaun hatte und der Verein in ausrangierten Eisenbahnwagen residierte. „Ich hatte das Glück, in einer Zeit zu fliegen, wo man vieles selbst machen und probieren konnte“, erinnert er sich. Probiert hat er in der Tat viel und dabei an die 50 Segelflugrekorde aufgesetzt. 1977 nutzte er die Gunst des Wetters und glitt 1460 Kilometer von Lübeck bis nach Biarritz. Noch heute fliegt der 88-Jährige regelmäßig, „schätzungsweise 10 000 Kilometer pro Jahr.“


Gleich geht es los. Norbert Klein (vorne) nimmt Wochenspiegel-Reporter Sergio di Fusco (hinten) auf einen Flug mit.

Auf unserem Flug bleiben wir aber in der Kontrollzone des Flughafens. Der Pilot dreht nach rechts bei und wir schweben gleich über den Feldern südlich vom Blankensee. Aus dieser Höhe sehen die Fahrzeuge auf der Autobahn wie langsam fahrende Spielzeugautos aus. Ein Schwarm Wandervögel zieht gemächlich über den Ratzeburger See. Es ist verblüffend, das Gefieder von oben zu betrachten. „Das Faszinierende am Fliegen ist das Gefühl der Freiheit“, hatte am Boden Pressewart Florian Mösch erzählt.

Bis aber ein Einzelner mit den Bussarden um die Wette kreist, ist Teamarbeit gefragt. Alleine kann niemand in die Luft gehen, jedes Vereinsmitglied ist an einem Flugtag wie heute gefordert. Die Neulinge schieben die Fluggeräte nach der Landung wieder zur Startposition. Erfahrenere Segelflieger helfen beim Anlegen des Fallschirms, bei der Vorflugkontrolle und beim Einhaken des Seils, das gleich die Maschine in die Luft ziehen wird, oder fahren mit einem Rückholfahrzeug, dem sogenannten „Lepo“ hin und her. Altgediente Mitglieder schließlich übernehmen die Verantwortung für die Starts und Landungen und für die Bedienung der Winde.

Auch dieses Gerät baute der Verein auf dem Chassis eines uralten Mercedes-LKWs selbst. Der heute 77-jährige Klaus Dehde war damals maßgeblich daran beteiligt. „Mit einem Liter Diesel ist man in der Luft, undwenn das Wetter mitspielt, fliegt man 1000 Kilometer an einem Tag“, berichtet er. In Sommer, wenn die Sonne die Luft stark erhitzt, lassen sich die Lübecker Segelflieger auf ausgedehnte Rundflüge bis nach Berlin und zurück treiben. Bis zu acht Stunden können solche Reisen dauern.

Ein Flugtag kann sehr lang sein. „Er fängt morgens nach dem Sonnenaufgang mit dem Wetterbriefing und endet nach dem Sonnenuntergang, wenn die letzten Flieger zurückgekehrt sind“, erzählt Florian Mösch. Dann wird oft zusammen gegrillt. Und im Winter, wenn kaum geflogen wird, werden die Geräte gewartet, die Vereinsräume renoviert und natürlich die Flugschüler unterrichtet. Segelfliegen ist eine zeitintensive Leidenschaft.

An diesem schönen Tag reicht dieThermik für ausgedehnte Flüge nicht, nach zehn Minuten bereitet der Pilot die Landung vor. Fahrwerk raus, ein wenig Störklappen und Mutter Erde begrüßt uns mit einem leichten Schlag auf den Hintern. Schön, wieder bei ihr zu sein. Aber es war toll, ihr motorlos zu entfliehen.

Aus dem Lübecker Wochenspiegel vom 3. November 2010. Text und Fotos: Sergio di Fusco. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.